Wie wir arbeiten

Taktische Frivolität

Pink and Silver

Die Aktionsform Pink & Silver ist inspiriert von postmodernen feministischen Theorien bzw. der Queer Theory , die die gesellschaftliche Funktion von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als Regulationssystem ins Zentrum der Analyse stellt.

Die ›Wurzeln‹ der Aktionsform Pink & Silver finden sich im radical cheerleading, welches seit Mitte der 90er Jahre erstmals in Kanada, den USA und Grossbritannien auftauchte. Die Idee und Praxis dabei war, mehr Pep und Power in langweilige Latschdemonstrationen zu bringen, die TeilnehmerInnen zu motivieren und in Schwung zu bringen, sowie eine neue Außenwirkung zu erzielen. Das traditionelle cheerleading mit seinen geschlechtsstereotypen Bildern wurde umgedeutet und für politische Inhalte verwendet.
Aus verschiedensten Aktionsformen, politischen Strömungen und Theorien fließen Elemente in die Pink & Silver-Praxis ein, wie z.B. aus dem reclaim the streets (die Aneignung, Zurückeroberung der Strassen), crossdressing und Queer-Bewegung (Spiel mit den Geschlechterrollen, Dekonstruktion von Geschlecht), der Tunten-Terror-Tour, Tute Bianche, schwarzer Block (hier vor allem die Kommunikationsstrukturen), Sambagruppen (Spass und Lärm), Akrobatik auf Demos oder auch aus Ansätzen der Kommunikationsguerilla (Irritation, Umdeutung vorhandener Bilder und Zuschreibungen).

Wichtig ist hierbei, dass es nicht das eine Konzept gibt, sondern einen Pool von Elementen linker Praxis die variiert und immer neu zusammengesetzt werden können. Das bedeutet, dass Aktionsformen weiterentwickelt, Selbstverständlichkeiten hinterfragt und Alternativen praktiziert werden.

Erstmals in Pink & Silver sind DemonstrantInnen in Prag anläßlich des IWF-Gipfels öffentlich in Erscheinung getreten. Es folgten Aktionen zum G8-Gipfel in Genua im Sommer 2001.
In Deutschland wurde die Aktionsform erstmals beim antirassistischen Grenzcamp in Frankfurt am Main im Sommer 2001 ausprobiert, es folgten Aktionen auf einer Demonstration gegen die Residenzpflicht in Berlin, gegen die Vereidigung des Senats in Hamburg und bei Aktionen gegen Abschiebungen in Bremen. Inzwischen hat sich die Idee weit verbreitet und wird zu verschiedensten politischen Anlässen an unterschiedlichsten Orten praktiziert.

Wie funktioniert Pink & Silver?
Wie schon der Name verrät, kleiden sich die AktivistInnen in Pink und Silber, üben Choreographien, Lieder und Sprüche ein und tanzen damit durch die Straßen, Kaufhäuser, Bürogebäude etc. Das Modell ist offen und integrativ, jedeR kann mitmachen, es gibt keine feste oder geschlossene Gruppe. Pink & Silver hat den Anspruch, basisdemokratisch zu sein. Alle Personen sind gleichermaßen an den Gruppenentscheidungen beteiligt, so dass das gemeinsame Vorgehen von allen gestaltet und getragen wird. Für Diskussionen in großen Gruppen gibt es Kommunikationsstrukturen, die gewährleisten sollen, dass alle Anwesenden beteiligt sind und die schnelle Stimmungsbilder möglich machen. Die schnelle Kommunikation ist über verschiedene Handzeichen geregelt. Für das Agieren bei Aktionen gibt es darüber hinaus die Möglichkeit, durch vorher abgesprochene Rufe bestimmtes Verhalten, z.B. Änderung der Aufstellung im Block auszulösen.

Durch die erwähnten flexiblen Strukturen und eine erst mal schwer einschätzbare Ausdrucksform, die zugleich spielerisch und konfrontativ, laut, schnell, lustig, kraftvoll und irritierend ist, wird eine grosse Handlungsfähigkeit erhofft bzw. erreicht.

Ein weiterer Aspekt bei Pink & Silver ist das »Spiel mit den Geschlechterrollen«. Dieses wird zum einen in der (Ver-)Kleidung gesehen – Männer in rosa Kleidern und Röcken, geschlechtsneutrale Overalls, Puschel und Glitter – zum Anderen im Auftreten, Frivolität als befreiendes Moment und Konfrontation ohne Mackermilitanz. Gewollt ist also ein ›Angriff‹ auf die heterosexistische Kleider- und Benimmordnung sowohl nach innen, also innerhalb der Gruppe, als auch nach außen als Wirkung auf die Nicht-Beteiligten. […]

AZZELINI, Dario, 2001a, Die Tute Bianche. Interview mit Chiara Cassurino und Federico Martelloni. In: Kapitalismus & Protest. Ed.: Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung. S. 31-35.

AZZELINI, Dario, 2001b, Von den Tute Bianche zu den Ungehorsamen. In: ARRANCA! Nr.23, Winter 2001/02, S. 27-30.

BALISTIER, Thomas, 1996,Straßenprotest. Formen oppositioneller Politik in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1979 und 1989. Münster.

CASARINI, Luca; CALLINICOS, Alex, 2001, Wie begegnet die antikapitalistische Bewegung den Herausforderungen des Krieges und staatlicher Repression? In: Sozialistische Positionen: http://www.sopos.org; 15.05.2002

DIEFENBACH, Katja; GEENE, Stephan, 2001, Das Versprechen des Politischen. In: ARRANCA! Nr. 23, Winter 2001/02, S.41,43,45,47.

PINK PANIC, eine Pink & Silver– Nachbereitung zum Grenzcamp vom 27. Juli bis 5. August 2001 in Frankfurt/ Main.

PÜHL, Katharina; WAGENKNECHT, Nancy, 2001, Wir stellen uns queer. In: Jungle World 15/ 2001.

QUAESTIO, 2000, Sexuelle Politiken und geselllschaftliche Teilhabe. In: ders./ Berger, N.J. et al. (Hg.), Queering Demokratie. Sexuelle Politiken. Berlin. S. 9-27.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s